Niklas Kammermeier, M.A.

Universitätsstr. 105
44780 Bochum
Raum: UNI 105, 3/25

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E-Mail: niklas.kammermeier@rub.de

 

 


Titel der Dissertation

Zwischen Podium und Pranger. Täterauftritte im Dokumentarfilm


Projektbeschreibung

„This is not material for a movie! He is playing the repentant sinner, and you’re in the role of the supposed observer. He’s purging himself through you. And you will cash-in on another profound film. Stop flirting with evil, you and he are not in the same boat.“ (Aus dem Film Z32)

Das Dissertationsprojekt will die Ästhetik und Diskursivierung von Täterauftritten im Dokumentarfilm untersuchen. Unter Täterauftritten sollen Momente und Szenen verstanden werden, in welchen Menschen, die eine strafrechtlich relevante oder moralisch verwerfliche Handlung begangen haben als verantwortliche RepräsentantInnen, indexikalische Instanzen oder ZeugInnen ihrer eigenen Taten vor eine Kamera treten. Im Fokus stehen US-amerikanische Produktionen sowie Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum seit etwa 1990.

Im Zentrum der Arbeit stehen drei Thesen:

(1) Der Wirklichkeitsbezug des Täterauftritts kann als Aushandlungsprozess zwischen (Selbst-)Darstellungsabsichten der Täterfigur und Darstellungsabsichten der FilmemacherInnen beschrieben werden. Dem/der TäterIn ist dabei häufig Gestaltungsfreiheit bei Tatbeschreibungen, Selbstauskünften, apologetischen Manövern sowie theatralen und performativen (Selbst-)Inszenierungen gegeben. Die FilmemacherInnen dagegen verfügen über die gesamte Bandbreite profilmischer und filmästhetischer Mittel. Zentral ist hier der Wirklichkeits- und (teils konfligierende) Deutungsanspruch dieser Selbst-, und Fremdinszenierungen.

(2) Täterauftritte generieren ihre Wirklichkeitsbehauptungen und -entwürfe im Spannungsfeld von dokumentarischem Exzess und Entzug. Dabei werden Verfahren medientechnischer Beglaubigungen und etablierte Praktiken der Wahrheitsfindung wie das Gerichtsverfahren oder das Verhör mit Momenten des Nicht-Wissens, der Derealisierung und der Fiktionalisierung verknüpft. Besonders dem Konflikt zwischen indexikalischer Referenzialität und deren Verunsicherung durch Posen, Reenactments und Ästhetiken des Spielfilms gilt besonderes Interesse.

(3) Täterauftritte besitzen einen besonders prekären Status als wissens- und erinnerungskulturelle Praxis: Gerade weil angenommen wird, dass Täter „nicht um öffentliche Anerkennung, sondern um Unsichtbarkeit bemüht sind“ (Aleida Assmann), werden Täterauftritte nicht nur als filmische ‚Großtaten’ der entsprechenden FilmemacherInnen rezipiert, sondern auch kritisch im Hinblick auf Motivationen, Absichten und Vorteilsnahmen, kurz: den ‚Vertragsbedingungen’ zwischen TäterIn und FilmemacherIn befragt. Stets drohen dabei Manipulation, falsche Empathie, Verunklarung von Schuld, Monumentalisierung, Heroisierung bis hin zu Geschichtsrevision und Vergessen. Deswegen regulieren kontextuell und kulturell unterschiedliche ‚Auftrittsregeln’ nicht nur, wer auftreten darf, sondern auch, auf welche Weise dieser Auftritt zu erfolgen hat. Geregelt ist das Verhältnis von Identifikation und Distanzierung, Selbstauskunft und Kontextualisierung, Improvisation und Rahmung, Offenlegung und Maskierung, ästhetischer Gestaltung und formaler Reduktion. Diese Regeln werden selten explizit formuliert, treten aber umso deutlicher in jenen Momenten hervor, in denen sie mehr oder weniger absichtsvoll gebrochen werden.

Die vorgestellten Thesen sollen anhand bestimmter Schauplätze der US-amerikanischen und deutschsprachigen Dokumentarfilmgeschichte überprüft und diskutiert werden. Dazu zählen die auffällige Häufung von Täterfiguren im US-amerikanischen Dokumentarfilm der 1990er Jahre und die zur selben Zeit stattfindende kontroverse Rezeption von Täterauftritten in Deutschland genauso wie jüngere TäterInneninszenierungen in deutschen NS-Dokumentationen und US-amerikanischen NETFLIX-Produktionen. Ziel der Arbeit ist es, in enger Verzahnung von Film-, und Diskursanalyse ästhetische und diskursive Muster zu identifizieren und so den Blick auf TäterInnen als dokumentarische Autoritäten und Erinnerungsfiguren innerhalb des Dokumentarfilms zu schärfen.

 


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit März 2017: Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Promotion) am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • Oktober/2013 bis Dezember/2016: Masterstudium „Inszenierung der Künste und der Medien“, Universität Hildesheim
  • Oktober/2009 bis Dezember/2013: Bachelorstudium „Szenische Künste“, Universität Hildesheim

Lehrveranstaltungen

  • Sommersemester 2015: Tutorium im Schnittlabor des Instituts für Medien und Populäre Kultur, Universität Hildesheim
  • Sommersemester 2015: Seminar „Reenactment im Dokumentarfilm“, Institut für Medien und Populäre Kultur, Universität Hildesheim
  • Sommersemester 2014: Wissenschaftlich-künstlerisches Projekt „(Selbst-)verschwendung dokumentieren“, im Rahmen des Projektsemesters 2014 am Institut für Medien und Populäre Kultur, Universität Hildesheim