Julia Reich, M.A.

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Titel der Dissertation

Arrangements des Abwesenden in der Performancekunst seit den 1960er Jahren. (Arbeitstitel)


Projektbeschreibung

Ausgangspunkt des Promotionsprojekts ist die Beobachtung, dass die Diskurse seit den 1990er Jahren den Live-Akt sowie Momente von Anwesenheit und präsentischem Erscheinen als Prämissen von Performancekunst setzen. Daraus kann abgeleitet werden, dass eine Gleichschaltung und ‑stellung von Performance und Live-Akt erfolgt.
In welchem Verhältnis steht dieses Verständnis von Performancekunst zur Dominanz ihrer materieller, medialer und dinghafter ‚Spuren’? Meist als Relikte, Artefakte und Dokumente bezeichnet, sind sie Marker einer Zäsur zwischen Live-Akt und dem, was außerhalb dessen liegt. Einhergehend mit dieser Zäsur sind einerseits eine Hierarchisierung von ‚Werk’ und ‚Nicht-Werk’ und die Entkopplung voneinander gesetzt sowie eine Priorisierung des Live-Akts impliziert und andererseits die Negierung eines wirkmächtigen Eigenpotentials der Materialien, Medien und Dinge fixiert.

Dennoch wird den ‚Spuren’ in diversen institutionellen Zusammenhängen, im Museums- und Ausstellungskontext, in der Kunstgeschichtsschreibung und auf dem Kunstmarkt, über die Zuschreibung dokumentarischer Qualitäten eine Vormachtstellung eingeräumt – hier zeigt sich die Autorität des Dokumentarischen. Ihnen wird aufgrund ihrer ontologischen Nähe zum Live-Akt eine authentische Wirklichkeitswiedergabe attestiert. Dabei formulieren sie die Behauptung eines direkten Referenzverhältnisses zum Live-Akt, also zum ‚Gewesen-Sein’ der Performance. Die Dissertation lenkt ihren Fokus auf die Befragung, der den Medien, Materialien und Dingen innewohnenden Praktiken und Praxen, welche den Eindruck des ‚Gewesen-Seins’ erst konstituieren.

Die zu behandelnden künstlerischen Positionen ab den 1960er Jahren bis in die Gegenwart gehen mit jener Autorität des Dokumentarischen reflexiv und spielerisch um. Einen Hauptstrang bilden Performances, die sich einem präsentischen Erscheinen, einer Ereignishaftigkeit, einer Erfahrbarkeit entziehen und folglich Mechanismen des Dokumentarischen befragen, unterlaufen und steuern. Umso zentraler erscheint deshalb die Perspektive den Live-Akt sowie dessen ‚Spuren’ in ihrer Verschränkung zu betrachten.

Das Paradox im Arbeitstitel führt zur Frage, wie etwas Abwesendes arrangiert sein und werden kann. Das Arrangement macht das Abwesende durch Lücken, Rahmungen, Markierungen und andere ästhetische Setzungen im Live-Akt sowie in den Materialien, Medien und Dingen erst sichtbar und zeigt so, was selbst nicht erscheinen kann. Grundgedanke hierbei ist, dass die Spielarten von Lesbarkeit und Irritation des Dokumentarischen nicht nur im Erscheinen arrangiert sind, sondern in ihrem Fehlen, in ihrem Entzug oder Verschwinden.

Das Dissertationsvorhaben beschränkt Performancekunst nicht auf den Live-Akt, sondern betrachtet Performance als Entität, welche sich in einem relationalen Gefüge verschiedener Modalitäten und darin vorgehender gestalterischer und institutioneller Operationen konstituiert. Untersuchungsgegenstand ist eben jenes Gefüge, in dem sich Live-Akt, Materialien, Medien und Dinge verorten. Das Projekt beabsichtigt Arrangements von Setzungs- und Stiftungsoperationen, die verschiedene Formen des Abwesenden im Gefüge künstlerischer Arbeiten der Performancekunst etablieren, zu untersuchen. Hierbei stellt sich die Frage, wie sich diese Operationen als Akte des Bezeugens, des Be- und Nachweisens sowie Beglaubigens ästhetisch (visuell wie schriftlich) in ihnen beziehungsweise innerhalb eines medienpoetischen Geflechts niederschlagen.


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit Oktober 2019: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Promotion) am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • 10/2016 bis 03/2019: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
  • 04/2012 bis 03/2017: Masterstudium der Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
  • 10/2013 bis 07/2016 Studentische und wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Kunstgeschichte an der Professur für Kunstvermittlung in Museum und Kunsthandel bei Jun.-Prof. Dr. Ulli Seegers, Heinreich-Heine-Universität Düsseldorf
  • 04/2012 bis 10/2013: Studentische Hilfskraft am DFG-Graduiertenkolleg „Alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis“, Heinreich-Heine-Universität Düsseldorf
  • 10/2009 bis 04/2012: Studentische Hilfskraft am Institut für Kunstgeschichte, Heinreich-Heine-Universität Düsseldorf
  • 10/2008 bis 03/2012: Bachelorstudium Kunstgeschichte (KF) mit Schwerpunkt Medien- und Kulturwissenschaften, Philosophie (EF), Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Publikationen

Aufsätze

  • Was bleibt, wenn nichts bleibt? Zur (gegen)dokumentarischen Praxis von Tino Sehgal, in: Haffke, Maren; Horn, Sarah; Canpalat, Esra; Preuss, Matthias (Hg.): GEGEN\DOKUMENTATION, Tagungsband (= Das Dokumentarische. Exzess und Entzug)., Transcript: Bielefeld 2020. (im Erscheinen)
  • Die Rolle der Augenzeugenschaft in Tino Sehgals Praxis – eine alternative dokumentarische Strategie?, in: Hattendorff, Claudia; Beißwanger, Lisa (Hg.): Augenzeugenschaft als Konzept. Konstruktionen von Wirklichkeit in Kunst und visueller Kultur seit 1800, Transcript: Bielefeld 2019, S. 177 – 191.

Katalogtexte

  • Präsente Leerstellen. Abwesenheiten in den fotografischen Collagen, in: Reimann, Arne (Hg.): Sebastian Fritzsch. Kammer, 2020. (im Erscheinen)
  • Begegnungen im Sommer, in: KIT – Kunst im Tunnel und Kunsthalle Düsseldorf (Hg.): Sommer, Ausst.-Kat. KIT, Eigenverlag: Düsseldorf 2019, S. 9-24.
  • Vorwort, in: Schramm, Uwe; Kunsthaus Essen (Hg.): René Hüls. Opera Aperta, Kerber 2019, S. 3-8.

Exponattexte

  • Texte zu Sonja Toepfer, in: Stiegemann, Christoph (Hg.): Peter Paul Rubens und der Barock im Norden, Ausst.-Kat. Diözesanmuseum Paderborn, Michael Imhof Verlag: Petersberg 2020, S. 525-527. (im Erscheinen)
  • Texte zu Ralf Berger, Didier Fiúza Faustino, Linda Nadji, in: Baudin, Katia; Holzhey, Magdalena; Martin, Sylvia (Hg.): ANDERS WOHNEN. Entwürfe für Haus Lange Haus Esters. Online-Magazin der Kunstmuseen Krefeld, 2020.

Vorträge

  • „The Audience is present?! Performative Kunst und ihr Publikum im Spannugsfeld von Autonomie und Autorität“, gehalten am 05.08.2020 im Rahmen der Ausstellung „State of the Arts. Verschmelzung der Künste“ in der Bundeskunsthalle Bonn.
  • „I feel that you are here with me“ – Perspektiven auf Christian Falsnaes The Title Is Your Name (2015 –), gehalten am 11.03.2020 im Rahmen des 33. Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums (FFK), Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig.
  • „Was bleibt, wenn nichts bleibt? Zur (gegen)dokumentarischen Praxis von Tino Sehgal“, gehalten am 09.11.2018 im Rahmen der internationalen Jahrestagung „GEGEN\DOKUMENTATION“ des DFG‑Graduiertenkollegs „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum.
  • „This is so Contemporary. Exklusive Augenzeugenschaft und Hype-Bildung in der Praxis von Tino Sehgal“, gehalten am 29.09.2017 im Rahmen der internationalen Tagung „On the Spot at the Time. Augenzeugenschaft und Authentizität in der Kunst seit 1800“, Justus-Liebig-Universität, Gießen.

Lehrveranstaltungen

  • Wintersemester 2018/2019: Übung „Performance und Dokumentation“, Institut für Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
  • Sommersemester 2018: Übung „Aktionen, Happenings und Performances der 60er/70er Jahre“, Institut für Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
  • Sommersemester 2017: Übung „Christliche Ikonographie und zeitgenössische Kunst“, Institut für Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
  • Wintersemester 2016/2017: Übung „Privatmuseen an Rhein und Ruhr“, Institut für Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf

Organisation von Veranstaltungen

  • Kuratorische Assistenz von „ANDERS WOHNEN. Entwürfe für Haus Lange und Haus Esters“, 17.03.2019 bis 26.01.2020, Kunstmuseen Krefeld
  • Mitarbeit an der Summer School: „Storytelling, Digital Media & Museums: Digitale Vermittlungskonzepte am Beispiel von Joseph Beuys“, 13. bis 19. September 2015, Kooperationsprojekt der Heinrich-Heine- Universität und dem Museum Schloss Moyland, Bedburg‑Hau

Sonstiges

Mitgliedschaften

  • Kunstverein Düsseldorf
  • Verband Deutscher Kunsthistoriker
  • And She Was Like: BÄM! Initiative junger Frauen* aus Kunst und Design im Rheinland