Susanne Nienhaus, M.A.

 

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Titel der Dissertation

Zum Verhältnis von Dokument und Literatur: Praktiken der bürokratischen und literarischen Selbst-/Dokumentation im modernen Großbetrieb. (Arbeitstitel)


Projektbeschreibung

Dokumentarliterarische Genres sind historisch maßgeblich von der Arbeiterbewegung geprägt und haben sich seit dem 19. Jahrhundert vielfach auf die industrielle Arbeitswelt konzentriert – sei es in Form der Sozial- und Industriereportage; der investigativen Recherche von Autor_innen, die einige Zeit in Fabriken arbeiteten; im Zuge der Arbeiterkorrespondenzbewegung der Weimarer Republik; in der Literatur der Dortmunder Gruppe 61 oder des Werkkreises für Literatur der Arbeitswelt; in Werken des sozialistischen Realismus oder in Form des Brigadetagebuch. Attraktiv schienen die dokumentarischen Formen vor allem aufgrund des starken Wirklichkeitsbezugs, von dem sich viele Verfasser_innen und Initiator_innen eine gesellschaftspolitische Wirkmacht erhofften. Unberücksichtigt in dieser positiven Einschätzung der Dokumentation von Arbeitsverhältnissen bleibt jedoch meist, dass die Dokumentation dieser Vorgänge in erster Linie durch den Betrieb selbst erfolgt und sowohl für die Betriebsorganisation als auch für die Arbeitenden von teilweise existentieller Bedeutung ist. Die vielfältigen Verfahren der Dokumentation gehen mit dem Subjekt jeweils verschieden um, haben in bürokratisch organisierten Gesellschaften und Institutionen jedoch gemein, dass sie keinesfalls nur ein Abbild und Zeugnis sind, sondern immer auch ein organisatorisches und machtpolitisches Mittel darstellen.

Das Dissertationsprojekt strebt eine Neubestimmung des Verhältnisses von Dokumentation und Literatur an, indem es die Dokumentation als Teil einer bürokratischen Verwaltungspraxis historisch wie theoretisch ausleuchtet. Die zentrale Forschungsfrage stellt daher nicht in den Mittelpunkt, inwiefern die unterschiedlichen Dokumentationsversuche eine Annäherung an die Wirklichkeit ermöglichen, sondern inwiefern sie mit der oder gegen die bürokratische Ordnungspolitik arbeiten. Inwiefern werten die verschiedenen alternativen Dokumentationen der Arbeitswelt das Dokument als bürokratisches Instrument auf oder ab? Können sie es subversiv umdeuten, nutzen oder reflektieren sie die Bedeutung der Dokumentation als gesellschaftliche Praxis? Setzen sie ihr einen Gegenentwurf entgegen? Bieten sie alternative Praxen und Formen der Ordnung und Organisation an? Kann die Dokumentarliteratur als bürokratisches, bürokratiekritisches oder antibürokratisches Genre neu verstanden werden?

Zur Beantwortung dieser Fragen soll einerseits ein interdisziplinärer Einblick in die Institutions- und Kulturgeschichte der Dokumentation als bürokratische Praxis eröffnet werden. Andererseits geht die Untersuchung in der Analyse der Primärliteratur auf drei verschiedenen Ebenen der Frage nach, inwiefern bürokratische Aspekte auf die alternativen und literarischen Dokumentationen der Arbeitswelt einwirken, wie sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Formen vorgenommen wurden. Sie zielt dabei erstens auf das arbeitende Subjekt, das sowohl Gegenstand als auch Urheber der Selbst-/Dokumentationen im Betrieb sein kann, zweitens auf Gegen-/Dokumentationen als Teil von betrieblicher und politischer Organisation und drittens auf die Dokumentation der betrieblichen Ordnung zur Verhandlung der Gesellschaftsordnung.


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit Oktober 2019: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Promotion) am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • 10/2014 bis 11/2017: Masterstudium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft, Universität Hannover
  • 03/2015 bis 03/2017: Studentische Hilfskraft für Prof. Michael Gamper im DFG-Schwerpunktprojekt „Ästhetische Eigenzeiten“
  • 10/2009 bis 09/2014: Bachelorstudium der Germanistik und der Europäischen Literatur, Universität Mainz