Pia Goebel, M.A.

goebel_pia
Universitätsstr. 105
44780 Bochum
Raum: UNI 105, 3/25

Telefon: +49 (0) 234/32-27079
E-Mail: pia.goebel@rub.de




Titel der Dissertation

Aneignung und Transfer – Dokumentarisches Bewegtbildmaterial im Ausstellungsraum


Projektbeschreibung

Der ‚documentary turn’ in der zeitgenössischen Kunst stellt die gegenwärtige Ausprägung eines seit jeher wechselvollen Verhältnisses dar. Zu keiner Zeit Antonyme – wenn auch mitunter als solche bemüht – fordern die Kunst und das Dokumentarische mit ihren Liaisons der vergangenen beiden Jahrzehnte vehement wie unablässig die Evaluierung jener Verbindungen sowie die Neubefragung des Einen respektive seines vermeintlich Anderen.

Der Frage nach spezifisch künstlerischen Um- oder Ausformungen des Dokumentarischen geht das Dissertationsvorhaben anhand einer Reihe von Arbeiten nach, die auf Aufnahmen vorfindlicher Wirklichkeit basieren oder sich ausschließlich aus solchen konstituieren. Verfahren des Aneignens, Appropriierens, Zitierens, Kopierens etc. sind in der Kunst(geschichte) zahlreich, doch greifen gängige analytische wie hermeneutische Ansätze kaum, handelt es sich bei dem angeeigneten Material um dokumentarisches Found Footage. Die Betrachtung eines Korpus heterogener Arbeiten, die dem ‚documentary turn’ subsumiert werden, deren vergleichende Zusammenschau bis dato jedoch aussteht, nimmt sich dieser Beobachtung an. Das Vorhaben lässt sich dabei von der These leiten, dass das Aneignen ‚des Dokumentarischen’ als aporetisches Verfahren beschrieben werden kann, da die Aneignung dokumentarischen Found Footages und der damit einhergehende Ortswechsel der Bewegtbilder – von einem jeweils zu beschreibenden physischen, institutionellen Ort des Aufbewahrens und/oder Zeigens in den Ausstellungsraum – in mehrfacher Hinsicht Verschiebungen in Bezug auf das Dokumentarische bedingen. Während die Möglichkeit der materiellen Aneignung der Bilder außer Frage steht, scheint sich das Dokumentarische der Aneignung zu entziehen: der Konnex der Arbeiten mit dem Attribut dokumentarisch ist nicht immer augenscheinlich – mitunter schwerlich belegbar – und vor allem stets ein anderer.

Die Neuordnungen des Materials durch die Künstler/innen werden im Hinblick auf das Dokumentarische vor allem mit folgenden Fragen konfrontiert: Sind Konventionen und Theorien der dokumentarischen Form als Referenz- und Reibungspunkte auszumachen? Erfolgte eine kontextuierende Bearbeitung, die eine dokumentarisierende Lektüre initiiert und folglich sinnstiftend als dokumentarisch beschrieben werden kann? Sind zentrale Begriffe dokumentarischer Diskurse wie Objektivität, Authentizität und Evidenz (noch) relevant? Welche Rolle kommt dem Dokumentierten in der künstlerischen Neuordnung zu? Der Ausstellungsraum als institutioneller, diskursiver wie physischer Raum des ‚Sich-Zeigens’ der Bilder evoziert ferner Fragen nach etwaigen Reflexionen über die Verwendung oder das Sehen jener Bilder an anderen institutionellen Orten; sowie nach erkennbaren Reaktionen auf die zunehmende Präsentation von Dokumentarfilmen in den physischen wie institutionellen Räumen der Kunst. Neben der ‚werkinternen’ Anordnung des Materials werden Modi der Präsentation sowie ihr Zusammenspiel mit gegenwärtigen (Raum-) Konventionen der Ausstellung von Bewegtbildern thematisiert; Implikationen für Wahrnehmung und Wirkmacht der Bilder in Bezug auf das Dokumentarische herausgearbeitet.

Die Aneignung von Aufnahmen vorfindlicher Wirklichkeit und ihr Transfer in Kunst, in den Ausstellungsraum, wird als Feld komplexer künstlerischer Praxen beschrieben; Positionen innerhalb des Feldes in ihren heterogenen Bezügen zu Verfahren, Stilen und Modi des Dokumentarischen dargestellt; die durch sie vorgenommenen Neuordnungen hinsichtlich des Dokumentarischen befragt und analysiert. Ferner wird zu erörtern sein, dass jene Neuordnungen selbst Formen des (vielleicht auch nur vermeintlich) Dokumentarischen konstituieren: von der Forcierung der dokumentarischen Qualität des Found Footage bis hin zur Suspension und der Freisetzung einer reinen Augenlust.


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit Oktober 2016: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Promotion) am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • 10/2012 bis 09/2016: Masterstudium ‚Kunstgeschichte’, Freie Universität Berlin
  • 07/2015 bis 05/2016: Studentische Hilfskraft, Kolleg-Forschergruppe „BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik“, Freie Universität Berlin
  • 10/2009 bis 09/2012: Bachelorstudium ‚Kultur und Technik/ Kunstwissenschaft’, Technische Universität Berlin