Anna Polze, M.A.

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44789 Bochum
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Titel der Dissertation

Grenzfälle der Evidenz. Medienästhetik und Mikropolitik digitaler Anschaulichkeit. (Arbeitstitel)


Projektbeschreibung

Das Dissertationsprojekt erforscht Probleme audiovisueller Evidenzkonstruktion in der digitalen Medienkultur. Es legt in diesem Zusammenhang einen Fokus auf die ästhetischen Strategien künstlerischer und aktivistischer Medienpraktiken und genauer auf Phänomene digitaler (Bewegt-)Bildlichkeit, die unter dem Begriff eines sog. forensic turn firmieren. Es entwickelt einen medienästhetisch und rhetorisch geschulten Begriff der Anschaulichkeit als einer Form audiovisueller Erkenntnis, der dokumentarische Zeugenschaft und medienbasierte Beweiskraft neu zueinander in Beziehung setzt und in der Performanz eines digitalen Medienverbunds situiert. Den zentralen Forschungsgegenstand bilden visuelle Investigationen der Kunst- und Rechercheagentur Forensic Architecture (FA), in denen zB. Menschenrechtsverletzungen an den EU-Außengrenzen rekonstruiert werden. Dem Projekt dienen sie als instruktiver Objektbereich gegenwärtiger dokumentarischer Medienpraxis und damit als symptomatisches Phänomen für die Auseinandersetzung mit der Komplexität digitaler Evidenzbehauptungen.

Die medientheoretische Rekonstruktion der Untersuchungsgegenstände erfolgt in Form von Close-Readings und kritischen Detailstudien. Neben Videoarbeiten werden Websites, Texte, Ausstellungsräume und ausgewählte essayistische Filme (Emily Jacir, Amel Alzakout) betrachtet, um das relationale Gefüge evidentieller Medialität zu rekonstruieren. Aus der Perspektive einer materialgeleiteten Untersuchung an der Schnittstelle von Kunst- und Medienwissenschaft werden dabei vor allem kultur- und literaturwissenschaftliche Theorieansätze herangezogen und zu einem methodologischen Layout forensischer, d.h. evidenzbezogener Medialität im Digitalzeitalter verbunden.
Um dies aufzuzeigen, registriert die Studie eine Reihe von Krisen, mit denen sich ein essentialistisches Verständnis von Evidenz und dokumentarischer Aura konfrontiert sieht und die es als Referenzproblem digitaler Bildlichkeit (Praxeologie, Performanz, Datafizierung), als infrastrukturelles Problem (Plattformprotokolle), als Rezeptionsproblem (Aufmerksamkeitsökonomie, Quantität, Data Literacy) und als politisches Problem (Postfaktizität, Postpolitik) beschreibt.

Zentraler, gegenstandsübergreifender Aspekt ist die Beobachtung, dass eine Situierung zwischen den institutionellen Milieus von Kunst, Medien, Architektur, Recht, Forschung und Kriminalistik die Arbeiten von FA auch gegenüber nahestehenden aktuellen Praktiken einer plattformbasierten Open Source Investigation (OSINT) durch Bellingcat oder einer ‚wilden Forensis‘ durch einzelne Akteur:innen auszeichnet. Die Studie löst die Investigationsvideos von FA daher aus dem von der Agentur gewählten Referenzrahmen des Rechtssystems und betrachtet sie als mikropolitische, metaepistemische Artefakte. Digitale Medien und Plattformen stellen nicht nur Materialfundus und Archiv, sondern neben Ausstellungsräumen auch eine wesentliche ‚Bühne‘ für die Auftritte der Agentur dar. Gemein ist diesen zahlreichen, übergängigen Foren, dass sie sich als visuelle Oberflächen, als Screenanordnungen beschreiben lassen. Zugleich werfen sie ein heterogenes Set an Fragen auf, die sich nicht durch Rekurse auf Medienspezifik oder Institutionslogiken beantworten lassen, sondern vielmehr nach einer medienästhetischen Perspektive verlangen, u.a.:
Wie hängen angesichts der konstitutiven Evidenz-Krisen ein fundamentaler Zweifel und ein positivistischer Glaube an digitale Fundstücke und Werkzeuge innerhalb der Bildanordnungen von FA zusammen?
Welchen besonderen Anreiz schaffen Personenauftritte und die Arbeit an den Oberflächen der Sichtbarkeit angesichts einer digitalen Kultur, in denen Bilder nunmehr als Datensätze für Machine Learning und als Arsenal für Metadaten beschrieben werden? Welchen Einfluss nimmt die schriftliche und audiovisuelle Selbstdokumentation der Agentur auf das Evidenzmoment?
Wie wirkt der kuratorische Überschuss, den die Agentur in ihrer Öffentlichkeitsarbeit betreibt, in den performativen Medienverbund ein?


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit Oktober 2019: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Promotion) am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • 04/2019 – 10/2019: Stipendiatin des Humboldt Research Track zur Vorbereitung der Promotion
  • 10/2015 – 04/2019: Masterstudium, „Kulturwissenschaft“, Humboldt-Universität zu Berlin
  • 09/2016 – 01/2017: Erasmusstudium, „Médiation culturelle“, Université Sorbonne Nouvelle Paris 3, Paris
  • 11/2015 – 04/2019: Studentische Hilfskraft, Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung, Projekt „Form, Code, Milieu“ / Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Form, Prof. Dr. Claudia Blümle, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Kunst- und Bildgeschichte
  • 10/2011 – 09/2015: Bachelorstudium „Medienkultur“, Bauhaus-Universität Weimar
  • 04/2015 – 09/2015: Studentische Hilfskraft, Lehrstuhl für Medienphilosophie, Prof. Dr. Michael Cuntz, Bauhaus-Universität Weimar
  • 04/2014 – 09/2015 Studentische Hilfskraft, Internationales Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM), Bauhaus-Universität Weimar
  • 10/2013 – 01/2014: Erasmusstudium „Arts du Spectacle“, Université Lumière Lyon 2, Lyon
  • 04/2013 – 09/2013: Studentische Hilfskraft, Internationales Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM), Bauhaus-Universität Weimar

Publikationen

Aufsätze und Essays 

  • „Kustodische Sacharbeit, kuratorischer Überschuss. Vergleichende Medienpolitik bei Forensic Architecture“, in: Zeitschrift für Medienkomparatistik, 3, 2021, hg. v. Marion Biet und Nicole Kandioler (im Erscheinen)
  • „Doppelt Negativ. Pläne des Digitalen um 1969“, in: HORIZONTE. Zeitschrift für Architekturdiskurs, 12, 2018, S. 43–51.
  • „Schritte und Schnitte. Taktische Topographien bei Michel de Certeau und Gordon Matta-Clark“, in: SYN. Magazin für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, 13, 2017, S. 61–70.

Rezensionen


Vorträge

  • „Fluchtauftritt und Evidenzkalkül. Postdigitales Dokumentieren bei Forensic Architecture“, 28.10.2021, Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung des Graduiertenkollegs „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • „Expositorische Ökologie, kuratorischer Überschuss“, 23.09.2021, Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM), Universität Innsbruck, Österreich
  • „Ästhetisch-Epistemische Grenzobjekte: Audiovisuelle Konfigurationen im Ausstellungsraum“, 24.03.2021, gemeinsames Vortragspanel mit Charlotte Bolwin und Maria Brannys im Rahmen des 34. Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums (FFK), Online/Bauhaus-Universität Weimar
  • „Circulating References in the multimodal Videos by Forensic Architecture“, 09.03.2021, Vortrag im Rahmen von „Trust Me! Truthfulness and Truth Claims across Media“, Internationale Online-Konferenz am Centre for Multimodal Studies, Linnaeus University Växjö, Sweden
  • „Investigative Screens“, 28.01.2021, gemeinsames Vortragspanel mit Jan Harms im Rahmen von „Schnittstellen. Desktop | Essay | Online | Workshop“, Online-Workshop, Institut für Medien- und Kulturwissenschaft Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Kooperation mit Universität der Künste Berlin/Universität Bayreuth
  • „Trennungslose Verbindung? Zur Politik der virtuellen Kamera in medienarchitektonischer Videokunst“, 16.04.2020, Vortrag und Screening im Rahmen von „DIS(S)-CONNECT II – Wie Medien uns trennen und verbinden“, Videobasierter Doktorand:innen Workshop, Universität Wien
  • „Frauenbilder im Dokumentarfilm der DDR. Kulturanthropologische Auseinandersetzungen anhand der Methode des Videoessays“, 02.06.2019, gemeinsam mit Antje F. Hoffmann und Vanessa Zallot, Workshop im Rahmen der 32. dgv-Studierendentagung, Universität Wien
  • „Gegenlicht in der Wüste. Medienwissenschaftliche Überlegungen zum Roden Crater Project von James Turrell“, 27.08.2015, Vortrag im Rahmen der Ausstellung TRANSITIONS, ACUD/Berlin

Organisation von Veranstaltungen

  • Organisation des Abendvortrags von Dr. Roland Meyer „Faces in the Wild. Operative Bildlichkeit und digitale Bildkulturen“ mit anschließendem Workshop, gemeinsam mit Carina Dauven, Theodor Frisorger und Jana Hecktor
  • Konzeption und Organisation des Online-Workshops „Text\Werk. Lektüreworkshop zu Hito Steyerl“ mit dem Abendvortrag „Materialschnitte durchs Essay. Hito Steyerls Transversale Praxis“ von Lilian Haberer (KHM Köln), 13.11.2020, gemeinsam mit Carina Dauven, Jan Harms, Philipp Hohmann, Julia Reich, Jolanda Wessel als Kooperationsveranstaltung mit der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen im Rahmen der Ausstellung „Hito Steyerl. I will Survive“ (K21, Düsseldorf, 26.09.2020–10.01.2021)
  • Mitarbeit an Konzeption und Moderation der Podiumsdiskussion „Wissen ausstellen“, 20.07.2016, Humboldt Universität/Berlin, Teilnehmer:innen des Podiums: Philipp Felsch, Mira Frye, Elisabeth Kaufman, Sofia Lemos, Hanna Magauer, Felix Sattler

Sonstiges

  • Mitglied der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM)
  • Studienbegleitende Mitarbeit und Praktika ua. bei Berliner Festspiele/Programmbereich Immersion (Ausstellungsmanagement und Redaktion) und TEXTE ZUR KUNST (Bildredaktion)