Robert Dörre, M.A.

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44780 Bochum
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Titel der Dissertation

Broadcast Yourself! Audiovisuelle Selbstdokumentation als Phänomen der Digitalkultur (Arbeitstitel)


Projektbeschreibung

Das audiovisuelle Dokumentieren und die Rezeption dokumentarischer Videos ist heute mehr denn je weitverbreitete soziale Praxis geworden, die ebenso viele Anhänger wie (medienkulturkritische) Gegner findet. Im öffentlichen wie im privaten Raum haben sich verschiedenste Formen solcher Videoformate ausdifferenziert. Menschen dokumentieren auf Plattformen wie YouTube z.B. ihren Alltag, haben ihr öffentliches Coming Out, testen Produkte, äußern ihre Meinung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen, erzählen Geschichten aus ihrem Leben, präsentieren Unterwäsche u. v. m. Neben diesen – vor allem in Video-Blogs und Live-Streams – lancierten Inhalten, lässt sich auch eine vielfältige Dokumentationspraxis via privaten Messengern und in sozialen Netzwerken konstatieren. Diese alltäglichen dokumentarischen Gesten der Digitalkultur als soziale Praxis und Phänomen der Neuen Medien zu erschließen, ist das zentrale Anliegen der Dissertation.

Dokumentiert werden vor allem Praktiken, die nicht nur zum Korpus alltäglichen Handelns gehören, sondern in enger Verbindung zu Zuständen der Sehnsucht, des Glücks, der Angst, der Ekstase und der Lust stehen. Die Beziehungen dieser Affekte zum Sichtbaren, Sagbaren und Machbaren sind konstitutiv dafür, dass Artefakte audiovisueller Selbstdokumentation soziale und kulturelle Gegebenheiten reproduzieren. Ob in diesem Zusammenhang die Imperative sozialer Selbstnormierung dominieren oder subversive Aufarbeitungen zur Geltung kommen, wird zu untersuchen sein. In jedem Fall verhandeln selbstdokumentarische Videobeiträge u.a. Fragen von Geschlechterdifferenz, Körperlichkeit, Rollenvorstellungen oder Sexualpräferenz und knüpfen somit an dominante gesellschaftliche Diskurse an.

Wie alle populären Phänomene hängt die Verbreitung der Selbstdokumentation als sozialer Praktik zunächst von bestimmten technischen, kulturellen und sozialen Bedingungen ab. Üblicherweise wird damit die ubiquitäre Verfügbarkeit der technischen Apparate, die zur Aufzeichnung solcher Videos dienen, angesprochen. Daneben ist die Produktion derartiger Videos nicht nur von ihrer technischen Handhabbarkeit abhängig. Der Erfolg der Kommunikation, die mittels solcher Beiträge stattfinden soll, muss zudem wahrscheinlich sein; das heißt, es bedarf einer basalen kulturellen und sozialen Anschlussfähigkeit. Demnach existieren Themen, Formate und Darstellungsweisen, die diskursfähiger sind als andere. Darüber hinaus manifestieren sich in all diesen Formen der Selbstdokumentation nicht nur kulturelle und soziale Ordnungsstrukturen, sie werden hier zudem ganz maßgeblich auch verhandelt. Im Sinne Foucaults widmet sich die Arbeit solchen diskursiven Strukturen, Verschiebungen und Ausschlusspraktiken.

In Anbetracht immer wieder heraufbeschworener Überwachungsszenarien scheint es ohnehin umso spannender, dass Menschen vornehmlich im Internet sehr viele Inhalte zur Verfügung stellen, die sie als Selbst in den Mittelpunkt stellen. Daten und Dokumente werden also nicht ausschließlich und vielleicht nicht einmal vorwiegend von außen erzeugt und gesammelt, sie werden vor allem durch viele bewusst selbst produziert. In einer Umwelt, in der Sichtbarkeit so immens wichtig geworden ist, bedeutet die Absage an die Selbstdokumentation (in all ihren Figurationen) nicht nur ein vermindertes Potenzial, überhaupt wahrgenommen zu werden; zugleich macht es eine digitale Existenz und Identität nicht möglich. Wer im Internet nichts von sich preisgibt, kommt in der Regel dort auch nicht vor. Es bei dem Konstatieren dieses Befundes zu belassen, würde aber schlicht das subversive Potential dieses Phänomens übergehen. Die Appropriation der Dokumentationstechnik – die exzessive Zurschaustellung des Selbst – ist ja eventuell sogar eine paradoxe Möglichkeit, sich den bestehenden Sichtbarkeitsimperativen zu entziehen. Es zeigt sich, dass Exzess und Entzug nicht ausschließlich konträre, polarisierte und polarisierende Positionen sind – es sind auch Bewegungen, die nicht immer definitiv bestimmbar scheinen.


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit Oktober 2016: Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Promotion) am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • 10/2013 bis 06/2016: Masterstudium „Medienwissenschaft“, Universität zu Köln
  • 10/2010 bis 08/2013: Bachelorstudium „Filmwissenschaft und Soziologie“, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Publikationen

  • Dörre, Robert (2016) Ohne Drehbuch. Zur Theorie und Ästhetik der Improvisation im Spielfilm am Beispiel des German Mumblecore. Masterarbeit, Universität zu Köln. Online Verfügbar unter: http://kups.ub.uni-koeln.de/7034/