Fynn-Adrian Richter, M.A.

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44789 Bochum
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Titel der Dissertation

Documenting Human’s End(ing) oder: ‚Liminales Dokumentieren‘. Aufzeichnungsszenen in ‚Letzte-Mensch‘-Erzählungen und Denkfiguren des Dokumentarischen in benachbarten anthropologischen und ökologischen Krisendiskursen. (Arbeitstitel)


Projektbeschreibung

Das Dissertationsprojekt möchte einer spezifischen Form von Medienreflexivität in literarischen ‚Letzte-Mensch‘-Erzählungen nachgehen, indem es die für solche Erzählungen konstitutiven Aufzeichnungsszenen analysiert, die wiederum in besonderer Weise elementare Grundannahmen des Dokumentarischen ausstellen und reflektieren. Eine zentrale Einsicht und These dabei lautet, dass die aufzeichnenden letzten Menschen als Chronist*innen und Dokumentarist*innen des Untergangs verstanden werden müssen, die über das ‚Ende der Welt‘ und das ‚Ende des Menschen‘ (paradoxerweise) zuallererst Auskunft geben können. Darüber hinaus fokussiert das Dissertationsprojekt auf rezente anthropologische und ökologische Krisendiskurse der Posthumanität und des Anthropozäns, als deren mitunter kritisch reflektierende Aushandlungen ‚Letzte-Mensch‘-Erzählungen verstanden werden können (Eva Horn). In diesen Diskursen, so eine zentrale Beobachtung, wird häufig auf solche Denkfiguren – wie die der Spur, des Erbes, der Fossilien, des Gedächtnis oder des Archivs – zurückgegriffen, die in enger Verbindung zum Dokumentarischen stehen bzw. den Diskurs des Dokumentarischen selbst prägen, wie es u.a. am Beispiel des Weltdokumentenerbes der UNESCO, dem ‚memory of the world‘, aufgezeigt werden soll.

Somit befragt das Projekt die verschiedenen Zukunftsszenarien nicht nur auf (quasi-) dokumentarische Strategien, Verfahren und Rhetoriken hin und untersucht, wie sie diegetisch verhandelt werden, sondern unterstellt diesen Verhandlungen auch ein epistemologisches und wissenspoetisches Potenzial, das für die Beschäftigung mit und Beschreibung des Dokumentarischen genutzt werden soll. Diskursiv und gleichberechtigt in den Blick genommen werden sollen daher verschiedene Arten von ‚Texten‘ (in einem weiten Sinne), sodass sowohl theoretische als auch künstlerische Ausgestaltungen für die Arbeit fruchtbar gemacht werden können, die als besonders einschlägig erachtet werden.

Eine analytische Beschäftigung mit diesen beiden Gegenstandsbereichen kann dabei den Blick für einen grundlegend liminalen Charakter und eine besondere Form der ‚Chrono-Logik‘ dokumentarischer Praktiken und Dokumente schärfen: Ein Dokument soll nämlich, und diese Vorstellung prägt ja auch das Alltagsverständnis, einerseits etwas bezeugen und beglaubigen, andererseits aber auch etwas bewahren, konservieren, verfügbar machen, festhalten und speichern – und zwar im besten Falle zum „ewigen Gedächtnis“, wie es bereits im 18. Jahrhundert im Zedler heißt. Dieser liminale Charakter impliziert dabei vor allem eine interessante Kommunikationssituation, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ein rekursives und relationales Verhältnis setzt. Oder anders gewendet: Ein Dokument soll eben eine bestimmte Gegenwart für eine mögliche Zukunft verwahren, damit diese Zukunft nun wiederum Rückschlüsse auf ihre (eigene) Vergangenheit ziehen kann. Und jede dokumentarische Praktik, die sich in diesem Sinne als eine solche versteht, muss sich nun mit den Problemen – oder im Sinne Michel Serres’ mit dem ‚Dämon‘ – einer solchen relationalen Kommunikationssituation auseinandersetzen. Diese Problematiken werden nicht zuletzt in einer Dynamik von Exzess und Entzug auch in den zwei zu untersuchenden Gegenstandsbereichen verhandelt bzw. reflektiert.

Mit dieser kulturwissenschaftlich geprägten Analysematrix und den wissenspo(i)etisch ausgerichteten Fragestellungen kann das Projekt dabei an einschlägige und etablierte medien-, literatur- und kulturtheoretische Positionen – etwa die Schreibszenenforschung, Konzepte des Archivs oder auch des kulturellen bzw. kollektiven Gedächtnisses – anschließen, bzw. sie auch in Ergänzung zu rezenten Forschungsansätzen wie der Medienarchäologie, -geologie oder -philologie und Theoriedebatten um die ‚Neuen Realismen‘ (ANT, New Materialism, Object-Oriented-Ontolgy, Speculative Realism usw.) neu in den Blick nehmen.


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit Oktober 2019: Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kollegiat (Promotion) im DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • 09/2017 bis 10/2019: Wissenschaftliche Hilfskraft (WHK) am Lehrgebiet „Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik“ (Leitung Prof. Dr. Michael Niehaus), FernUniversität in Hagen
  • 04/2015 bis 11/2017: Masterstudium „Komparatistik“ und „Medienwissenschaft“, Ruhr-Universität Bochum
  • 09/2009 bis 09/2014: Bachelorstudium „Komparatistik“ und „Germanistik“, Ruhr-Universität Bochum

Publikationen

  • „Bild-Werden. Zur Ästhetik der ‚posthumanen Situation‘ in Michel Gondrys ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND (2004)“. In: Irina Gradinari/Michael Niehaus (Hgg.): Filmisches Erinnern. Zur Ästhetik und Funktion der Rückblende. Dortmund: readbox unipress 2020, S. 149-179 (Volltext unter: https://ub-deposit.fernuni-hagen.de/receive/mir_mods_00001603).
  • „Von Baumstämmen und Steinen. Zur Poiesis von Alfred Döblins Berge Meere und Giganten ausgehend von einer Natur-Epiphanie“. Aufsatz im Sammelband der Projektgruppe ‚Der verdichtete Raum. Zukunftsromane 1920-1940‘. (In Vorbereitung)

Vorträge

  • „Das Ende?! Posthumane Phantasien bei Margaret Atwood“, gehalten am 11.07.2018 im Rahmen der studentischen Ringvorlesung „Hermaion“ an der Ruhr-Universität Bochum
  • „Posthumane Phantasien. Medienästhetische und -komparatistische Überlegungen zum Ende des Menschen“, gehalten am 26.01.19 im Rahmen des Doktorandenkolloquiums der Komparatistik an der Ruhr-Universität Bochum
  • „Com-Post-Human. Haraways Tentakel und Daths Schleimpilze”, Keynote-Vortrag gehalten am 07.05.2019 im Rahmen der studentischen Tagung „Mögliche/Zukünftige Welten in der phantastischen Litertur“ im Rottstr.5-Theater in Kooperation mit der Ruhr-Universität Bochum
  • „Mit der Zukunft kommunizieren. Medienphilologische Herausforderungen dokumentarischer Praktiken“, gehalten am 28.08.19 im Rahmen der internationalen Summer Academy „Media Philology“, Rutgers University New Brunswick/NJ

Lehrveranstaltungen

  • Wintersemester 2017/18: Online-Webinar über Adobe Connect „Literatur und Medien II“, gem. mit Dr. Nils Jablonski u. Jessica Güsken, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik, FernUniversität in Hagen
  • Sommersemester 2018: Präsenzseminar „Posthumane Phantasien im Film“, gem. mit Jessica Güsken, Studienwoche 2018, FernUniversität in Hagen
  • Sommersemester 2018: Präsenzseminar „Posthumanismus“, gem. mit Prof. Dr. Thomas Bedorf u. JProf. Dr. Irina Gradinari, FernUniversität in Hagen
  • Sommersemester 2019: Online-Webinar über Adobe Connect „Literatur und Medien III“, gem. mit Dr. Nils Jablonski u. Jessica Güsken, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik, FernUniversität in Hagen
  • Wintersemester 2019/20: Seminar „Das Anthropozän. Zum Konzept, den Narrativen und der Literatur der Menschenzeit“, Lehrauftrag Komparatistik, Ruhr-Universität Bochum

Organisation von Veranstaltungen

  • Mitarbeit und Moderation bei Tagung „Genre und Race. Mediale Interdependenzen von Ästhetik und Politik“, organisiert v. JProf. Dr. Irina Gradinari u. Prof. Dr. Ivo Ritzer, 22.-24.11.2018, FernUniversität in Hagen
  • Moderation bei Tagung „digitale_kultur. Weltverhältnisse im Wandel“, organisiert v. Prof. Dr. Thomas Bedorf, 18.-19.02.2019, Fernuniversität in Hagen

Sonstiges

  • Mitglied der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM)
  • Mitglied der Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (DGAVL)
  • Mitglied der Arbeitsgruppe „Der verdichtet Raum. Zukunftsromane 1920-1940“, Forschungsprojekt des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung in Kooperation mit der Komparatistik, Leitung: Dr. habil. Kristin Platt u. Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans, Ruhr-Universität Bochum (http://www.idg.rub.de/forschung/projekte/raum/index.html.de)