Esra Canpalat, M.A.

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Universitätsstr. 105
44780 Bochum
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Titel der Dissertation

Die Geografie der Minderheiten: Das Transkulturelle und Dokumentarische in zeitgenössischer türkischer Literatur. Mario Levi, Orhan Pamuk, Elif Şafak und Sema Kaygusuz im Vergleich


Projektbeschreibung

In der postmodernen und zeitgenössischen Literatur der Türkei ist eine Tendenz zu beobachten, die multilinguale und multiethnische Seite der Türkei in den Vordergrund zu stellen, um sich von der autoritären Präsenz des monokulturellen Nationalismus zu befreien und die kosmopolitische Vergangenheit, beispielsweise in Städten wie Istanbul, zu vergegenwärtigen. Priska Furrer konstatiert in ihrer Untersuchung Sehnsucht nach Sinn (2005) über literarische Semantisierung von Geschichte im zeitgenössischen türkischen Roman, dass seit den 1980er Jahren ein gesteigertes Interesse der türkischen Literat*innen für historische Themen, genauer, für die osmanische und islamische Vergangenheit, festzustellen ist. Hierbei wurde die von den Nationalist*innen nach der Republikgründung forcierte Historiografie, die jegliche Verbindung zum Osmanischen Reich leugnete, revidiert. Somit wurde nicht nur die islamische Vergangenheit zum Bezugspunkt für türkische Autor*innen, sondern auch die Erfahrungswelt von Minderheiten, deren Rechte im Millet-System des multikonfessionellen Osmanischen Reiches mehr oder weniger gewahrt wurden.

Zu den prominentesten Vertretern dieses neuen Phänomens zählt der 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Orhan Pamuk, der beispielsweise in seinen historischen Romanen eine pluralistische Ästhetik verfolgt, um das vergangene Istanbul zu präsentieren. Die melancholische Rückschau auf das osmanische Erbe Istanbuls findet in Pamuks Memoiren ihren Höhepunkt: In „İstanbul. Hatıralar ve Şehir (2003) / Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt“ (2006) betont er die multikulturellen Elemente eines längst nicht mehr vorhandenen Istanbuls. Auch Elif Şafaks Roman „The Bastard of Istanbul“ (2006) handelt von der Hybridität der Sprachen und Kulturen. Durch das Verbinden der Schicksale einer armenischen und einer türkischen Familie zeigt Şafak die sprachlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten der beiden Volksgruppen auf, ein Umstand, den die türkische Regierung insbesondere durch das Abstreiten des Genozids an den Armenier*innen versucht zu verleugnen. Im bereits 1999 erschienenen Roman „İstanbul Bir masaldı / Istanbul war ein Märchen“ (2008) von Mario Levi wird dagegen eine türkisch-jüdische Perspektive auf den kosmopolitischen Charakter Istanbuls dargeboten. Levi präsentiert in seinem Roman die Lebensgeschichten von nahezu fünfzig verschiedenen multikulturellen Protagonist*innen, die zeitlich vom Osmanischen Reich bzw. Fall des Osmanischen Reiches bis in die 80er Jahre reichen. Als aktuelles Beispiel können die Romane „Yere Düşen Dualar“ (2008) / „Wein und Gold“  und „Yüzünde Bir Yer“ (2009) von Sema Kaygusuz genannt werden, die in ihren Romanen ebenfalls die Multikulturalität und die Marginalisierung der alevitischen Minderheiten thematisiert.

Die Dissertation soll verdeutlichen, wie die vier Autor*innen auf literarische Weise versuchen, die Spuren und das Leben der Minderheiten zu dokumentieren und festzuhalten, um diese vor dem nationalistischen Diskurs des Auslöschens und Vergessens zu bewahren. Hier soll besonders das Augenmerk auf die verschiedenen narrativen und intermedialen Mittel der Dokumentation und Archivierung gerichtet werden, derer sich die Autor*innen bedienen. Zudem werde ich aufzeigen, wie sie gleichzeitig diese unterschiedlichen Modi der Dokumentation metareflexiv und kritisch betrachten. Daneben stellt die Arbeit die pluralistische und hybride Vergangenheit der Türkei als konträres Konzept zur nationalen Identitätskonstruktion vor. Der dokumentarische Entzug hinsichtlich dessen, was die Minderheiten und das Osmanische Reich betrifft, ereignet sich komplementär zum dokumentarischen Exzess des laizistisch-kemalistischen Staatsapparats. Ich möchte aufzeigen, wie die Narrative der vorgestellten Autor*innen entgegen des dokumentarischen Entzugs bzw. Exzesses einen transkulturellen Schwellenraum schaffen, in dem zum einen hybride Identitätskonzepte greifen, zum anderen die Existenz und das Wirken von marginalisierten Gruppen dokumentiert werden. In dieser Verschränkung von Transkulturalität und Dokumentation liegt mein Forschungsinteresse: Ich möchte anhand von Theorien zu Transkulturalität und Hybridität untersuchen, wie das Ineinandergreifen und gegenseitige Bedingen verschiedener Kulturen Diskurse des Dokumentarischen tangieren.


Wissenschaftlicher Werdegang

  • Seit Oktober 2016: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Promotion) am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“, Ruhr-Universität Bochum
  • 2013 bis 2016: Masterstudium „Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft“, Ruhr-Universität Bochum
  • 2012/13 Teilnahme am Forschenden Lernen Projekt „Vom Manuskript zum Buch“
  • 2008 bis 2013 Bachelorstudium „Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft“ und „Kunstgeschichte“, Ruhr-Universität Bochum

Publikationen

Herausgeberschaften

  • Literatur und Sexualität. Beiträge zum Studierendenkongress Komparatistik 2014. Ch. A. Bachmann Verlag, 2015.
  • Rudolf G. Binding: Opfergang. Hrsg. von einer Gruppe Studierender am Lehrstuhl für Komparatistik der Ruhr-Universität Bochum unter Leitung von Stephanie Heimgartner. Ch. A. Bachmann Verlag 2013.

Aufsätze

  • „Girls are not allowed to ride“ – Die Verbindung von Raum und Mobilität mit Genderkonzepten in Kathy Ackers Don Quixote which was a Dream, in: Canpalat, Esra/ Graß, Rebecca/ Herhausen, Sarah (Hg.): Literatur und Sexualität. Beiträge zum Studierendenkongress Komparatistik 2014. Ch. A. Bachmann Verlag, 2015, S. 93-104.

Vorträge

  • (demnächst) „‚I can scrawl and I can crawl‘ – Die Zeichnungen und Kritzeleien in Kathy Ackers Blood and Guts in High School als Dekonstruktion patriarchalischer Sprach- und Sexualtheorien“, 6.-9. Juni 2017, XVII. Tagung der DGAVL. Schrift und Graphisches im Vergleich, Ruhr-Universität Bochum
  • (demnächst) „Orange Peels: Transkulturalität und Foodways in Mario Levis İstanbul Bir Masaldı (Istanbul war ein Märchen) und Elif Şafaks The Bastard of Istanbul“, 9.-11. Juni 2017, 8. Studierendenkongresses Komparatistik. Literatur und Ritual, FU Berlin.
  • (demnächst) „Hurt Flowers – The Presentation of Female Bodies in Turkish Soap Operas“, 1. Juli 2017, NECS conference 2017 „Sensibility and the Senses“, Université Sorbonne Nouvelle – Paris 3
  • „Multilingualität und -kulturalität als identitätsstiftendes Moment in Orhan Pamuks İstanbul. Hatıralar ve Şehir und Elif Şafaks The Bastard of Istanbul“, gehalten am 27.07.2016 im Rahmen des 21. Weltkongresses der der International Comparative Literature Association (ICLA) an der Universität Wien.
  • „Gastarbeiter, Missverständnisse, hybride Identität – Darstellung von Arbeit in türkischer und deutsch-türkischer Literatur. Birsen Samancı, Fakir Baykurt und Emine Sevgi Özdamar im Vergleich“, gehalten am 18.06.2016 im Rahmen des 7. Studierendenkongresses Komparatisitk (SKK) an der Ludwig-Maximilians-Universität, München.
  • „Girls are not allowed to ride“ – Die Verbindung von Raum und Mobilität mit Genderkonzepten in Kathy Ackers Don Quixote which was a Dream“, gehalten am 28.06.2014 im Rahmen des 5. Studierendenkongresses Komparatistik (SKK) an der Ruhr-Universität, Bochum.

Organisation von Veranstaltungen

  • Mitarbeit an der Konzeption des 5. Studierendenkongresses Komparatistik „Literatur und Sexualität“, 27.-29.06.2014, Ruhr-Universität, Bochum.